1. Home
  2. Blog
  3. Körper
  4. Immunsystem stärken: Was wirklich hilft

Immunsystem stärken: Was wirklich hilft

Els Visser ist Ärztin und war jahrelang Profi-Triathletin. Sie erklärt, warum sich das Immunsystem nicht einfach hochfahren lässt und was tatsächlich hilft, wenn der Marketinglärm verstummt.

Geschrieben von Ärztin Els Visser
12 MIN READ — ZULETZT AKTUALISIERT — 08/06/2026

"Stärke dein Immunsystem" ist eines der am stärksten überstrapazierten Versprechen der Gesundheitsbranche. Es verkauft Pflaster, Pulver und Shots, und es beruht auf einem Bild vom Immunsystem, das so nicht stimmt. Wir haben deshalb Els Visser gefragt, was davon tatsächlich belegt ist. Sie ist Ärztin, war jahrelang Profi-Triathletin und hat ihr eigenes Immunsystem bis an die Grenze belastet. Ihre Antwort ist weniger aufregend als das Marketing und deutlich brauchbarer.

Auf einen Blick

  • 01.

    In der Medizin sprechen wir nicht davon, das Immunsystem zu stärken. Das Ziel ist ein Immunsystem, das reagiert, wenn es gebraucht wird, und ansonsten im Gleichgewicht bleibt.

  • 02.

    Ein aktiveres Immunsystem ist nicht automatisch ein besseres. Kippt die Regulation, entstehen chronische Entzündungen und Autoimmunerkrankungen und nicht zusätzlicher Schutz.

  • 03.

    Vitamin C, Vitamin D und Zink sind für ihren Beitrag zu einer normalen Funktion des Immunsystems anerkannt. Ist der Bedarf gedeckt, bringt mehr davon keinen zusätzlichen Nutzen.

  • 04.

    Bei Vitamin D lohnt es sich dagegen, aktiv zu werden. Im Herbst und Winter reicht die Sonne in unseren Breiten nicht aus, eine unzureichende Versorgung ist deshalb verbreitet, und ein Präparat kann sinnvoll sein.

  • 05.

    Schlaf, regelmäßige Bewegung, eine vielfältige, ballaststoffreiche Ernährung und ein guter Umgang mit Stress bringen für die Immunfunktion mehr als jedes einzelne Supplement.

Lerne unseren Experten kennen

Els Visser

PhD, MD – Europameisterin im Triathlon, Ärztin & Longevity-Spezialistin

Els ist promovierte Ärztin (MD, PhD) und Profi-Triathletin auf der Langdistanz, Europameisterin und niederländische Rekordhalterin. Ihre Arbeit dreht sich um Longevity – sie hilft Menschen, ihre Gesundheit, Leistung und Regeneration langfristig zu optimieren, und stützt sich dabei auf die vier zentralen Säulen Ernährung, Bewegung, Schlaf und Erholung sowie mentale Gesundheit. Als Überlebende eines folgenschweren Bootsunglücks im Jahr 2014 bringt sie eine zutiefst persönliche Perspektive auf Resilienz und Sinn in alles ein, was sie tut.

Warum es beim Immunsystem keine Abkürzung gibt

In meiner Zeit als Profi-Triathletin war mein Körper hartem Training, ständigen Reisen und gestörtem Schlaf ausgesetzt. Gesund zu bleiben war nicht bloß wichtig, es entschied darüber, ob ich überhaupt trainieren und antreten konnte. Wie viele Sportlerinnen und Sportler habe ich mich gefragt, ob Supplemente wie Vitamin C oder Zink mich schützen können. Die Forschung gibt darauf allerdings keine einfache Antwort: Eine Wunderlösung gibt es nicht.

In der Medizin sprechen wir gar nicht davon, das Immunsystem zu stärken. Es geht nicht darum, es stärker oder aktiver zu machen. Ein überaktives Immunsystem kann im Gegenteil schaden und ist für Autoimmunerkrankungen und chronische Entzündungen verantwortlich. Wir wollen ein Immunsystem, das arbeitet, wie es soll: reaktionsfähig, wenn es gebraucht wird, und ansonsten im Gleichgewicht.

Die ermutigende Nachricht: Vieles, was dein Immunsystem wirklich unterstützt, liegt längst in deiner Hand. Wie du schläfst, isst, dich bewegst, dich erholst und mit Stress umgehst, wirkt weit stärker als jedes einzelne Supplement. Denn bei der Immungesundheit schlägt Beständigkeit fast immer die schnelle Lösung.

Wie das Immunsystem arbeitet

Dein Immunsystem ist eines der ausgefeiltesten Systeme deines Körpers. Es ist kein einzelnes Organ, sondern ein Netzwerk aus Zellen, Geweben und Organen, die zusammenarbeiten, um dich vor Viren, Bakterien, Pilzen und anderen Eindringlingen zu schützen. Um zu verstehen, wie du dein Immunsystem unterstützen kannst, lohnt sich ein Blick auf seine zwei Hauptbestandteile: das angeborene und das erworbene Immunsystem.

Das angeborene Immunsystem ist die erste Verteidigungslinie deines Körpers. Es ist ständig aktiv und reagiert schnell, sobald etwas potenziell Schädliches in den Körper gelangt. Deine Haut, die Schleimhaut deiner Atemwege, die Magensäure und Immunzellen wie Makrophagen und Neutrophile gehören alle dazu. Sie schützen unmittelbar, arbeiten dabei aber relativ unspezifisch und antworten auf sehr unterschiedliche Bedrohungen auf ähnliche Weise.

Das erworbene Immunsystem reagiert langsamer, dafür deutlich spezialisierter. Es lernt, bestimmte Viren und Bakterien zu erkennen, und kann beim nächsten Kontakt schneller und wirksamer antworten. Hier spielen T-Zellen, B-Zellen und Antikörper die zentrale Rolle. Impfungen trainieren genau dieses System und helfen dem Körper, ein Immungedächtnis aufzubauen, ohne die Krankheit selbst durchzumachen.

Auch Entzündung ist ein wesentlicher Teil der Immunantwort. Ihr Ruf ist schlecht, tatsächlich ist sie aber ein normaler und notwendiger Vorgang. Wenn du dir in den Finger schneidest oder dich ein Virus erwischt, holt die Entzündung Immunzellen an die betroffene Stelle, damit Heilung und Erholung beginnen können. Zum Problem wird sie erst, wenn sie chronisch oder übermäßig ausfällt. Eine dauerhafte, niedriggradige Entzündung wird mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und mehreren Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht. Auch deshalb zählt die allgemeine Gesundheit so viel, nicht nur um heute nicht krank zu werden, sondern auch für ein gesundes Älterwerden.

Ein gut funktionierendes Immunsystem ist deshalb nicht das stärkstmögliche. Es ist ein gut reguliertes, das angemessen reagiert, wenn es nötig ist, und danach wieder ins Gleichgewicht findet.

Kann man das Immunsystem wirklich stärken?

Die Idee, das Immunsystem zu "boosten", ist überall. Unzählige Produkte versprechen, die Abwehr zu stärken, Krankheiten zu verhindern oder die Erholung zu beschleunigen. Das klingt gut, vereinfacht aber stark, wie das Immunsystem tatsächlich arbeitet.

Anders als ein Muskel, der durch Training wächst, lässt sich das Immunsystem nicht dauerhaft in einen höheren Gang schalten. Es ist ein außerordentlich komplexes Netzwerk, das auf einem sorgfältigen Gleichgewicht beruht. Reagiert es zu schwach, bist du anfälliger für Infektionen. Wird es überaktiv, kann es gesundes Gewebe angreifen oder übermäßige Entzündung erzeugen. Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Lupus und Multiple Sklerose zeigen, was passieren kann, wenn die Immunregulation gestört ist. "Mehr Immunsystem" ist also nicht zwangsläufig besser.

Fachleute sprechen deshalb zunehmend davon, eine normale Immunfunktion zu unterstützen, statt die Abwehr zu stärken. Die Forschung zeigt sehr konsistent, woher der größte Beitrag zu einer gesunden Immunfunktion kommt: nicht aus einer einzelnen Pille und nicht aus dem aktuellen Wellness-Trend, sondern aus einem gesunden Lebensstil über Monate und Jahre. Ausreichender Schlaf gibt den Immunzellen Zeit, sich zu erholen und wirksam zu kommunizieren. Eine ausgewogene Ernährung liefert die Vitamine, Mineralstoffe, gesunden Fette und Proteine, auf die das Immunsystem angewiesen ist. Regelmäßige Bewegung verbessert die Immunüberwachung, während zu viel Stress und zu wenig Erholung in die Gegenrichtung wirken.

Das heißt nicht, dass Supplemente keine Rolle spielen. Bestimmte Nährstoffe wie Vitamin C, Vitamin D und Zink sind im EU-Register für gesundheitsbezogene Angaben für ihren Beitrag zu einer normalen Funktion des Immunsystems anerkannt. Am meisten bringen sie dort, wo sie eine unzureichende Zufuhr oder einen Mangel ausgleichen, und nicht als sehr hohe Dosis in der Hoffnung, damit Krankheiten zu verhindern. Das Immunsystem antwortet am besten, wenn der ganze Körper gut versorgt ist. Bring also die Basics in Ordnung, bevor du Hacks jagst, und schaffe die Bedingungen, unter denen dein Immunsystem genau das tun kann, wozu es da ist.

Nährstoffe, die eine normale Immunfunktion unterstützen

Die Ernährung liefert die Bausteine, die dein Immunsystem für seine Arbeit braucht. Kein einzelnes Lebensmittel und kein einzelner Nährstoff verhindert, dass du krank wirst. Eine vielfältige, ausgewogene Ernährung sorgt aber dafür, dass deine Immunzellen die Mittel haben, um wirksam zu reagieren. Statt auf "Superfoods" zu schauen, lohnt sich der Blick auf das Gesamtmuster. Genügend Energie, ausreichend Protein und eine breite Auswahl an Obst, Gemüse, Vollkorn, Hülsenfrüchten, Nüssen und gesunden Fetten wirken deutlich stärker als einzelne Präparate. Trotzdem gibt es einige Nährstoffe, deren Rolle für eine normale Immunfunktion besonders gut belegt ist.

Vitamin C

Vitamin C trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei und wirkt zugleich als Antioxidans, schützt Zellen also vor oxidativem Stress. Es unterstützt außerdem mehrere Immunzellen in ihrer Arbeit, darunter Neutrophile und Lymphozyten. Und es spielt eine wichtige Rolle bei der Kollagenbildung, die eine gesunde Haut und intakte Schleimhautbarrieren mitträgt. Beides ist unsere erste Verteidigungslinie gegen Infektionen.

Genügend Vitamin C über die Ernährung aufzunehmen, ist vergleichsweise einfach. Zitrusfrüchte, Erdbeeren, Kiwi, Paprika, Brokkoli und Rosenkohl sind ausgezeichnete Quellen. Weit verbreitet ist der Irrtum, sehr hohe Dosen Vitamin C würden Erkältungen komplett verhindern. Eine regelmäßige Einnahme kann die Dauer einer Erkältung bei manchen Menschen leicht verkürzen, besonders bei sehr intensiver, langer körperlicher Belastung. Das Risiko, sich überhaupt eine einzufangen, senkt sie in der Allgemeinbevölkerung dagegen nicht merklich.

Vitamin D

Vitamin D ist ein Sonderfall, weil es in der Haut entsteht, sobald Sonnenlicht auf sie trifft. Kleinere Mengen nehmen wir außerdem über Lebensmittel wie fettreichen Fisch, Eigelb und angereicherte Produkte auf. Anders als viele Vitamine verhält sich Vitamin D eher wie ein Hormon und greift in zahlreiche Prozesse im ganzen Körper ein, darunter die Immunregulation.

Vitamin D trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei, indem es angeborene und erworbene Immunantworten mitkoordiniert. Niedrige Vitamin-D-Spiegel gehen mit einer höheren Anfälligkeit für Atemwegsinfekte einher. Einen Mangel auszugleichen, ist nach der Evidenz sinnvoll. Wer ausreichend versorgt ist, hat von zusätzlicher Zufuhr dagegen kaum etwas. Gerade im deutschsprachigen Raum ist eine unzureichende Versorgung im Herbst und Winter verbreitet, weil die Sonneneinstrahlung dafür nicht ausreicht. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nennt für Jugendliche und Erwachsene einen Schätzwert von 20 Mikrogramm pro Tag, wenn der Körper selbst kein Vitamin D bildet. Risikogruppen empfiehlt sie ausdrücklich ein Präparat in dieser Höhe.

Zink

Zink ist ein essenzielles Spurenelement und an hunderten biologischer Prozesse beteiligt, darunter die Entwicklung von Immunzellen, deren Kommunikation und die Wundheilung. Schon ein leichter Zinkmangel kann die normale Immunfunktion beeinträchtigen, eine ausreichende Zufuhr ist deshalb in jedem Lebensalter wichtig. Gute Quellen sind Fleisch, Meeresfrüchte, Milchprodukte, Bohnen, Linsen, Nüsse und Saaten. Es geht darum, den Bedarf zu decken, und nicht darum, ihn weit zu überschreiten. Zu viel Zink über Präparate kann die Aufnahme anderer Mineralstoffe wie Kupfer behindern und unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringen.

Protein nicht vergessen

Ein Nährstoff geht regelmäßig unter, wenn es um Immunität geht: Protein. Proteine liefern die Aminosäuren, aus denen Antikörper, Immun-Signalmoleküle und viele der beteiligten Zellen gebaut werden. Ohne ausreichend Protein kann der Körper diese Prozesse schlicht nicht so effizient aufrechterhalten. Besonders wichtig ist das für ältere Erwachsene, für Menschen, die sich von einer Krankheit erholen, und für Sportler in intensiven Trainingsphasen.

Eine wirksame Immunantwort braucht außerdem Energie. Wenn der Körper unterversorgt ist, zu wenig geschlafen hat oder von langer körperlicher Belastung ausgelaugt ist, muss er entscheiden, wofür er seine Ressourcen einsetzt. Auch deshalb sind eine ausreichende Energiezufuhr, genug Protein und echte Erholung so wichtig für eine normale Immunfunktion.

Wie Darm und Immunsystem zusammenhängen

Wer an Immunität denkt, hat meist weiße Blutkörperchen im Blutstrom vor Augen. Ein großer Teil des Immunsystems hängt allerdings eng mit dem Darm zusammen. Der Verdauungstrakt ist permanent Nahrung, Bakterien und anderen körperfremden Stoffen ausgesetzt. Damit der Körper harmlose Stoffe von potenziell schädlichen Eindringlingen unterscheiden kann, hat er ein weitläufiges Netz aus Immungewebe entwickelt, das darmassoziierte lymphatische Gewebe, kurz GALT.

Gleichzeitig leben Billionen Mikroorganismen in unserem Darm, zusammengefasst als Darmmikrobiom. Diese Bakterien helfen beim Abbau bestimmter Ballaststoffe, bilden nützliche Verbindungen und stehen laufend im Austausch mit Immunzellen. Die Forschung deutet immer klarer darauf hin, dass ein vielfältiges, gesundes Darmmikrobiom eine wichtige Rolle für die Immunfunktion spielt.

Die stärkste Evidenz dafür, wie du deine Darmgesundheit unterstützen kannst, spricht weiterhin für ein paar einfache Ernährungsgewohnheiten: eine große Vielfalt pflanzlicher Lebensmittel, reichlich Ballaststoffe aus Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten und Vollkorn, regelmäßig fermentierte Lebensmittel wie Joghurt oder Kefir und so wenig stark verarbeitete Produkte wie möglich. Probiotika können in bestimmten klinischen Situationen nützlich sein. Eine Universallösung sind sie nicht, und verschiedene Stämme wirken verschieden. Für die meisten gesunden Menschen beginnt ein gesundes Mikrobiom bei der alltäglichen Ernährung und nicht bei einem Präparat.

Schlaf, Bewegung und Stress: die Basis der Immungesundheit

Müsste ich die drei Lebensstilfaktoren nennen, die die Immungesundheit am verlässlichsten beeinflussen, wären es Schlaf, Bewegung und der Umgang mit Stress. Das klingt weniger aufregend als der neueste Wellness-Trend, ist dafür durch Jahrzehnte Forschung gedeckt.

Schlaf

Schlaf ist eines der wirksamsten Erholungsmittel, die dein Körper hat. Während du schläfst, bildet und reguliert dein Immunsystem die Zytokine, also die Signalproteine, über die es Immunantworten koordiniert. Schlaf unterstützt außerdem die Kommunikation zwischen Immunzellen und trägt dazu bei, nach einer Impfung oder Infektion ein langfristiges Immungedächtnis anzulegen. Schon wenige Nächte mit zu wenig Schlaf können Teile der Immunfunktion beeinträchtigen und die Anfälligkeit für Erkrankungen erhöhen. Deshalb rate ich, Schlaf genauso ernst zu nehmen wie Ernährung oder Bewegung: nicht als Freizeit, sondern als Investition in die langfristige Gesundheit.

Bewegung

Regelmäßige körperliche Aktivität unterstützt die Immungesundheit auf mehreren Wegen. Moderate Bewegung verbessert die Durchblutung, sodass Immunzellen effizienter durch den Körper wandern können. Sie hilft außerdem, chronische Entzündungen zu dämpfen, unterstützt Herz-Kreislauf- und Stoffwechselgesundheit und trägt zu einem gut funktionierenden Immunsystem bei.

Wie so oft gilt auch hier eine Dosis-Wirkungs-Beziehung: Genug ist gut, mehr ist nicht automatisch besser. Sehr hohe Trainingsumfänge können die Anfälligkeit für Infektionen zeitweise erhöhen, vor allem wenn zu wenig Erholung, schlechter Schlaf oder eine unzureichende Ernährung dazukommen. Für Ausdauersportler in intensiven Trainings- oder Wettkampfphasen ist das besonders wichtig. Der Profisport hat mich gelehrt, dass Erholung genauso zählt wie das Training selbst. Die Anpassungen passieren in der Erholung und nicht während der Einheit. Und für die Immungesundheit kommt es oft darauf an zu erkennen, wann der Körper Ruhe braucht und nicht die nächste Belastung.

Für die meisten Menschen ist die Botschaft einfach: Regelmäßige Bewegung ist eines der wirksamsten Mittel für langfristige Gesundheit. Ob Gehen, Radfahren, Schwimmen oder Krafttraining, Beständigkeit zählt weit mehr als Intensität.

Stress

Kurzfristiger Stress gehört zum Leben und kann bestimmte Teile der Immunfunktion sogar verbessern. Chronischer Stress ist eine andere Sache. Hält er über Wochen oder Monate an, können erhöhte Werte von Stresshormonen wie Cortisol die normale Immunregulation stören. Chronischer Stress geht außerdem oft mit schlechterem Schlaf, ungünstigerem Essverhalten und weniger Bewegung einher, und daraus wird schnell ein Kreislauf, der die Gesundheit insgesamt zusätzlich belastet.

Mit Stress umzugehen heißt nicht, ihn loszuwerden, das gelingt ohnehin selten. Es heißt, Erholung in den Alltag einzubauen. Das kann Zeit draußen sein, regelmäßige Bewegung, tragfähige soziale Beziehungen, Achtsamkeit oder einfach genug geschützte Zeit für Ruhe.

Immun-Mythen, die du ignorieren kannst

Das Internet ist voll von Behauptungen über die Immunabwehr, und längst nicht alle sind durch Evidenz gedeckt.

Mythos 1: Mehr Vitamine bedeuten immer mehr Immunkraft

Ist dein Nährstoffbedarf gedeckt, verbessern immer höhere Dosen die Immunfunktion nicht automatisch. In manchen Fällen können sie sogar schaden.

Mythos 2: Ein einzelnes Superfood oder Hausmittel verhindert Krankheiten

Kein einzelnes Lebensmittel und kein Hausmittel kann einen insgesamt ungünstigen Lebensstil ausgleichen. Entscheidend ist dein gesamtes Ernährungsmuster.

Mythos 3: Bei ersten Anzeichen einer Erkrankung hart weitertrainieren

Manchmal ist Ruhe die produktivste Entscheidung. Auf den Körper zu hören und sich ausreichend zu erholen, verkürzt oft die Zeit, bis du sicher wieder trainieren kannst.

Mythos 4: Supplemente ersetzen gesunde Gewohnheiten

Kein Supplement kann chronischen Schlafmangel, schlechte Ernährung, Dauerstress oder Bewegungsmangel ausgleichen.

Alltagsgewohnheiten, die dein Immunsystem unterstützen

Wenn du dein Immunsystem langfristig unterstützen willst, konzentriere dich auf die Gewohnheiten, die du beständig wiederholen kannst. Einzeln wirken sie unspektakulär, zusammen schaffen sie die Bedingungen, unter denen dein Immunsystem bestmöglich arbeitet.

  • Sieben bis neun Stunden guten Schlaf pro Nacht zur Priorität machen
  • Ausgewogen essen, mit viel Obst, Gemüse, Vollkorn, gesunden Fetten und ausreichend Protein
  • Regelmäßig körperlich aktiv bleiben und genug Erholung einplanen
  • Zeit draußen verbringen und den Vitamin-D-Status im Blick behalten
  • Die Darmgesundheit über eine ballaststoffreiche, vielfältige Ernährung unterstützen
  • Chronischen Stress mit gesunden Strategien in den Griff bekommen
  • Nicht rauchen und Alkohol begrenzen
  • Empfohlene Impfungen aktuell halten
  • Dem Körper bei Krankheit Zeit zur Erholung geben, statt zu früh wieder einzusteigen

Das Wichtigste zum Schluss

Als Ärztin und als ehemalige Profisportlerin habe ich einen großen Teil meines Berufslebens mit Leistung, Erholung und langfristiger Gesundheit verbracht. Eine Lehre ist dabei immer deutlicher geworden: Die Grundlagen entscheiden. Es ist verlockend, nach einem Supplement, einer Abkürzung oder einem Produkt zu suchen, das das Immunsystem über Nacht stärkt. Die Forschung sagt allerdings etwas anderes.

Dein Immunsystem muss nicht ständig angestachelt werden, es muss unterstützt werden. Diese Unterstützung steckt in den Entscheidungen, die du täglich triffst: ausgewogen essen, genug schlafen, in Bewegung bleiben, mit Stress umgehen und dem Körper die Zeit geben, die er zur Erholung braucht. Viele dieser Gewohnheiten zahlen zugleich auf ein gesundes Älterwerden ein. Das ist ein Grund mehr, bei ihnen anzufangen.

Diese Gewohnheiten sind nicht die aufregendsten, aber die mit der stärksten wissenschaftlichen Grundlage. Und anders als schnelle Lösungen wirken sie weit über die Immunabwehr hinaus: auf die Gesundheit insgesamt, auf die Belastbarkeit und auf ein gesundes Älterwerden.

FAQ: Häufige Fragen zum Immunsystem

Kann man sein Immunsystem wirklich stärken?

Nicht in der Art, wie viele Anzeigen es versprechen. Dein Immunsystem ist ein streng reguliertes Netzwerk, das am besten arbeitet, wenn es im Gleichgewicht ist, und nicht, wenn es einfach aktiver ist. Treffender als "boosten" ist deshalb: eine normale Immunfunktion über gesunde Alltagsgewohnheiten unterstützen. Also genug Schlaf, ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und ein guter Umgang mit Stress.

Welche Vitamine unterstützen das Immunsystem?

Mehrere Nährstoffe tragen zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei, darunter Vitamin C, Vitamin D und Zink. Auch Protein ist wesentlich, weil Antikörper und viele Immunzellen aus Aminosäuren gebaut werden. Am besten deckst du diese Nährstoffe über eine vielfältige, ausgewogene Ernährung. Ein Präparat kann sinnvoll sein, wenn die Zufuhr über die Ernährung nicht reicht oder ein Mangel festgestellt wurde.

Beeinflusst die Darmgesundheit das Immunsystem?

Ja. Ein großer Teil des Immunsystems hängt eng mit dem Verdauungstrakt zusammen. Ein gesundes, vielfältiges Darmmikrobiom unterstützt über den laufenden Austausch mit Immunzellen eine normale Immunfunktion. Eine ballaststoffreiche Ernährung mit einer großen Vielfalt pflanzlicher Lebensmittel ist einer der besten Wege, die Darmgesundheit zu unterstützen.

Verhindern hochdosierte Vitamine Erkältungen?

Bei den meisten gesunden Menschen nicht. Es gibt Hinweise, dass eine regelmäßige Vitamin-C-Zufuhr die Dauer einer Erkältung in bestimmten Gruppen leicht verkürzen kann, etwa bei Ausdauersportlern unter langer körperlicher Belastung. Von Megadosen ist trotzdem abzuraten. Den Bedarf beständig zu decken, bringt deutlich mehr als sehr hohe Dosen.

Wie kann ich mein Immunsystem im Alltag stärken?

Die stärkste Evidenz spricht für die Basics: genug schlafen, ausgewogen essen mit ausreichend Protein, körperlich aktiv bleiben, mit Stress umgehen, das Darmmikrobiom pflegen, nicht rauchen, Alkohol begrenzen und dem Körper nach einer Krankheit oder nach Phasen hoher körperlicher wie mentaler Belastung genug Zeit zur Erholung geben.

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Wer eine Supplementierung erwägt oder anhaltende Beschwerden hat, sollte das mit einer medizinischen Fachperson besprechen.

Du willst noch mehr?

Bekommst du. Direkt in dein Postfach.