
Ernährungsexpertin Jamie Wright erklärt, warum ein bisschen Stress nützlich ist, wann er kippt und wie du dir eine Toolbox aus schnellen Helfern und tragfähigen Gewohnheiten aufbaust.
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Auf einen Blick
Ein bisschen Stress ist normal. Zum Problem wird chronischer Stress ohne ausreichend Erholung.
Die Basics schlagen die Hacks.
Du brauchst beides: schnelle Tools für akuten Stress und tägliche Gewohnheiten, die dein Grundniveau ruhiger halten.
Ernährung und die Darm-Hirn-Achse stärken deine Widerstandskraft.
Dranbleiben zahlt sich aus: Kleine Schritte summieren sich.
Jamie ist registrierter Ernährungsberater (AFN) und Personal Trainer mit einem Master in Humanernährung mit Schwerpunkt Adipositas und Gewichtsmanagement sowie einem Bachelor in Sport- und Bewegungswissenschaft. Er ist Gründer von Balance, dem führenden Ernährungs- und Diätetik-Service in Nordirland, wo er über 1.500 Klient:innen betreut hat – von Büroangestellten bis hin zu Olympioniken – in den Bereichen Körperzusammensetzung, Leistung und Beziehung zum Essen. Mit eigenen Erfahrungen aus Essstörungen und Verletzungen treibt Jamie die Leidenschaft an, Klarheit, Selbstvertrauen und Konsistenz in die alltägliche Ernährung zu bringen.
Ich glaube, es ist fair zu sagen: Wir sind heutzutage alle ein bisschen gestresst.
Steigende Preise, ein Dauerfeuer schlechter Nachrichten, Kriege hier, Kriege dort …
Stress gehörte schon immer zum Menschsein, aber etwas hat sich verschoben. Was früher eine lästige Fliege im Zimmer war, fühlt sich für viele inzwischen wie eine ständige, ernstere Bedrohung an.
Besonders deutlich zeigt sich das bei Berufstätigen, bei jungen Menschen und bei allen, die eine Familie großziehen (oder gründen wollen).
Die Zahlen sprechen für sich.
Der Burnout-Report 2026 der britischen Organisation Mental Health UK kommt zu dem Ergebnis, dass 91 Prozent der Erwachsenen in Großbritannien im vergangenen Jahr hohen oder extremen Druck oder Stress erlebt haben. Bei jungen Beschäftigten zwischen 18 und 24 Jahren steigt dieser Wert auf 93 Prozent, und im Bericht der Organisation von 2025 lag er bei Erwachsenen zwischen 25 und 34 sogar bei 96 Prozent. Außerdem hat sich jede fünfte Person im vergangenen Jahr eine Auszeit von der Arbeit genommen, weil Druck oder Stress ihre psychische Gesundheit stark belastet haben.⊕
Wie man es auch dreht: Hier zeigt sich eine Krise der psychischen und kognitiven Gesundheit. Viele Menschen tun sich schwer damit, die schiere Menge an Stressoren zu regulieren, zu stabilisieren und auszuhalten, denen sie jeden Tag ausgesetzt sind.
Die gute Nachricht? Du bist alles andere als machtlos.
In diesem Artikel erkläre ich, was Stress genau ist (und was er in deinem Körper bewirkt), worin der entscheidende Unterschied zwischen akutem und chronischem Stress liegt, welche Sofortmaßnahmen dir bei der Regulation helfen und mit welchen evidenzbasierten Strategien du Resilienz aufbaust, damit du Tag für Tag geistig und körperlich stärker dastehst.
Zunächst: Was ist „Stress“ eigentlich?
Stress ist schlicht die körperliche und geistige Reaktion deines Körpers auf eine neue Anforderung, einen Druck oder eine Bedrohung.
Es ist eine normale (und oft nützliche) Antwort auf die ständigen Herausforderungen und Veränderungen des Lebens. Bei Stress schüttet dein Körper die Hormone (Botenstoffe) Adrenalin und Cortisol aus. Sie wirken zusammen: Sie schärfen den Fokus, steigern die Denkleistung, stärken das Immunsystem vorübergehend und liefern den kräftigen Energieschub, den du brauchst, um schwierige Aufgaben zu meistern oder eine Deadline zu halten.
Deshalb erleben wir nach besonders stressigen Phasen oft einen „Crash“.
Dieser Stress ist aber auch wichtig.
Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass Menschen, die im Alltag überhaupt keine Belastungen angeben, oft schlechter kognitiv abschneiden und weniger positive Alltagserlebnisse haben (außerdem waren sie häufiger älter, unverheiratet und ohne Arbeit).⊕
Ohne Stressoren können wir keine Resilienz entwickeln. Stress ist außerdem eine Vorstufe von Wachstum, körperlich wie geistig. Kurzfristiger Stress hilft sogar dabei, das Gehirn umzubauen, ein Vorgang, den man „Neuroplastizität“ nennt.
Neuroplastizität ist die Fähigkeit des Gehirns, seine Struktur und seine Verbindungen als Reaktion auf Stress zu verändern. Kurzfristiger Stress kann dem Gehirn helfen, sich anzupassen. Langanhaltender oder chronischer Stress dagegen kann gesundheitliche Folgen haben.
Kurzfristiger oder akuter Stress, auch „Eustress“ genannt, ist ein wichtiger Überlebens- und Motivationsmechanismus. Er kann deine kognitive Leistung, deine Immunfunktion, deine sozialen Bindungen und deine psychische Widerstandskraft spürbar verbessern.
Bei dieser Art von Stress löst ein konkreter Auslöser, etwa ein lauter Knall, eine schlechte Nachricht oder ein intensives Training, eine körperliche und/oder geistige Reaktion aus (den „Kampf-oder-Flucht“-Modus, also die Kaskade aus Adrenalin und Cortisol). Sie hält in der Regel nur wenige Minuten bis höchstens ein, zwei Tage an.
Chronischer Stress dagegen ist ein lang anhaltender Spannungszustand durch dauerhafte Belastungen.
Heute können dafür etwa Geldsorgen oder ein anspruchsvolles Arbeitsumfeld verantwortlich sein. Solche anhaltenden Belastungen halten deinen Körper in ständiger Alarmbereitschaft und können zu einer ganzen Reihe gesundheitlicher Probleme führen.⊕
Studien zeigen, dass dauerhaft erhöhte Stresshormone schaden. Die ständige Aktivierung belastet Gehirn, Herz, Immunsystem und Stoffwechsel und erhöht das Risiko für Bluthochdruck, Diabetes und psychische Probleme.
Ein Beispiel dafür stammt aus The Lancet (einer der angesehensten, wenn nicht der angesehensten wissenschaftlichen Fachzeitschriften). Die Forschenden nutzten PET/CT-Aufnahmen, um bei knapp 300 Menschen das Stresszentrum des Gehirns (die Amygdala) zu beobachten. Sie fanden heraus: Je höher die Ruheaktivität der Amygdala, desto stärker war die Aktivität im Knochenmark, desto ausgeprägter waren Entzündungen in den Arterien und desto höher war in der Folge das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall.⊕
Eine weitere, aktuelle und ausgesprochen spannende Studie aus diesem Jahr untersuchte den Zusammenhang zwischen Angst, Depression und Herzerkrankungen. In einer großen Biobank mit mehr als 85.000 Menschen gingen Depressionen und Angststörungen mit mehr schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen einher. In einer Gruppe mit Gehirnscans zeigten sich außerdem eine höhere Aktivität im Stresszentrum des Gehirns, eine niedrigere Herzratenvariabilität (HRV) und ein höherer Wert des C-reaktiven Proteins (CRP), eines Entzündungsmarkers. Das zeigt einen Zusammenhang, keinen Beweis für eine Ursache.⊕
Schließlich lohnt der Blick auf Beobachtungsdaten, die chronischen Stress mit einem höheren Sterberisiko in Verbindung bringen: Große Übersichtsarbeiten zeigen, dass eine hohe kumulative körperliche Stressbelastung (die sogenannte allostatische Last) das Sterberisiko insgesamt um rund 22 Prozent erhöht.⊕
Akuter Stress ist normal und gehört dazu. Das Ziel ist deshalb, deinen Alltagsstress so zu steuern, dass du nicht chronisch überlastet bist. Im nächsten Abschnitt findest du ein paar schnelle Tools für deine Anti-Stress-Toolbox, die du zücken kannst, sobald dir das Leben über den Kopf wächst.
Fangen wir mit einer Technik an, die „Breathwork“ heißt. Dabei nutzt du deine Atemmuster bewusst und gezielt, um deine körperliche und geistige Gesundheit zu verbessern, weil du dich damit besser regulierst.
Eine absolut hervorragende Lektüre dazu: Andrew Huberman und sein Team stellen in einem Artikel verschiedene Atemtechniken vor. Huberman Lab: Breathwork-Protokolle für Gesundheit, Fokus und Stress (auf Englisch)
Der Artikel beruht auf einer Studie, die Dr. Hubermans Labor gemeinsam mit Dr. David Spiegel von der Stanford School of Medicine durchgeführt hat.⊕
Über vier Wochen hinweg, jeweils fünf Minuten täglich, verringerte jede der getesteten Praktiken, darunter auch Achtsamkeitsmeditation, negative Gefühle und situative Angst. Atemübungen schnitten bei der Stimmung besser ab, und eine Form (dazu gleich mehr) hob die Stimmung am stärksten und senkte die Atemfrequenz stärker als Achtsamkeit.
Diese Form ist das zyklische Seufzen, besser bekannt als „physiologischer Seufzer“, und es ist ganz einfach:
Schritt 1. Atme zweimal hintereinander durch die Nase ein: erst ein großer Atemzug, direkt danach noch einer obendrauf (ohne dazwischen auszuatmen). Das Ziel ist, die Lunge maximal zu füllen.
Schritt 2. Atme dann die gesamte eingeatmete Luft durch den Mund aus, bis die Lunge leer ist. Wiederhole das einfach, bis du merkst, dass du ruhiger wirst.
Das funktioniert so gut, weil es dein vegetatives Nervensystem gewissermaßen aus einem Zustand erhöhter Erregung und Angst herausholt, hin zu mehr Entspannung, Bodenhaftung und Ruhe. Ein sehr wirksames und wunderbar praktisches Werkzeug für deine Toolbox.
Neben der Atmung kommt die Bewegung.
Dass Bewegung uns guttut, körperlich wie geistig, versteht sich von selbst. Aber welche Art von Bewegung hilft am besten, Stress zu verringern und zu bewältigen?
Eines der wirksamsten Mittel gegen Stress und für eine bessere Stimmung ist nicht nur, sich zu bewegen und zum Beispiel einen Spaziergang zu machen, sondern das draußen zu tun. Bewegung in der Natur scheint die Stimmung zu heben, hilft beim Umgang mit Stress und unterstützt dich letztlich dabei, dich besser selbst zu regulieren.⊕
Als konkretes Soforttool kannst du die Progressive Muskelentspannung (PMR) ausprobieren. Sie eignet sich besonders, wenn sich Stress als körperliche Unruhe oder Enge in der Brust zeigt. Bei der PMR spannst du gezielt Muskelgruppen an und lässt dann wieder los. So senkst du systematisch die Anspannung im ganzen Körper.
So gehst du vor: Spanne eine bestimmte Muskelgruppe (zum Beispiel die Schultern) fünf Sekunden lang so fest wie möglich an und atme dabei ein. Lass die Spannung dann abrupt und vollständig los und atme dabei aus. Arbeite dich systematisch von den Füßen bis zum Kiefer hoch.
Eine systematische Übersichtsarbeit mit 46 Studien kam zu dem Ergebnis, dass PMR Stress, Angst und Depressionen bei Erwachsenen verringern kann, wobei der Effekt zwischen den Studien stark schwankt.⊕
Ein völlig kostenloses Tool, das viele unterschätzen: Tageslicht!
Ja, Sonnenlicht (vor allem früh am Tag) kann viel für deine psychische Gesundheit und den Umgang mit Stress bewirken.
Eine Untersuchung mit mehr als 400.000 Teilnehmenden der UK Biobank ergab: Mit jeder zusätzlichen Stunde im Tageslicht draußen gingen eine geringere Wahrscheinlichkeit für Depressionen und für die Einnahme von Antidepressiva einher, außerdem weniger gedrückte Stimmung und mehr Glücksempfinden.⊕
Die Techniken weiter oben wirken eher reaktiv. Frühes Tageslicht dagegen ist eine proaktive Strategie und sollte nach Möglichkeit zu deinem täglichen Standard gehören: Geh so oft wie möglich nach draußen, am besten früh am Tag, und tanke Sonne!
Resilienz bedeutet im Zusammenhang mit Stress, dass du dich an schwierige Herausforderungen, anhaltenden Druck oder akute Stresssituationen anpassen, dich davon erholen und wieder aufrichten kannst.
Resilienz gedeiht, wenn wir gut für uns sorgen. Geht es unserer körperlichen und seelischen Gesundheit schlecht, sinkt unsere Fähigkeit, Stress auszuhalten und darauf zu reagieren. Sorgen wir dagegen gut für uns, schlafen wir gut, bewegen wir uns täglich und über den Tag verteilt, stimmt unsere Ernährung, kümmern wir uns um den Verdauungstrakt (speziell den Darm) und nehmen wir uns die Mühe, nach draußen zu gehen, dann hilft das nicht nur im Umgang mit Stress. Es baut außerdem unsere Resilienz weiter aus.
Hier erfährst du, wie diese Bausteine zu mehr Resilienz beitragen, welche Schritte du sofort umsetzen kannst und wie du sie regelmäßig in deinen Alltag einbaust.
Schlaf ist die wichtigste Erholungsphase deines Gehirns. Im Tiefschlaf spült das Gehirn Stoffwechselabfälle aus, im REM-Schlaf werden Emotionen verarbeitet und die Stimmung bleibt stabil. Schlechte Schlafhygiene und zu wenig Schlaf lassen deinen Cortisolspiegel (Stresshormon) schon am nächsten Tag steigen und machen dich anfälliger für weitere Alltagsbelastungen.
So verbesserst du deinen Schlaf sofort:
Wenig Zeit?
Körperlicher Stress braucht ein körperliches Ventil. Bewegung baut angesammeltes Adrenalin und Cortisol ab und löst die Freisetzung von BDNF aus (brain-derived neurotrophic factor, ein wichtiges Protein, das Gehirnzellen schützt und die geistige Flexibilität verbessert, sodass du Stress besser widerstehen und bewältigen kannst).
Diese Ziele helfen dir bei der Bewegung:
Wenig Zeit?
Ernährung und Darm-Hirn-Verbindung sind ein zentrales Fundament für mentale Resilienz, denn Verdauungssystem und Gehirn stehen über den Vagusnerv in ständigem Austausch.
Ein Großteil des Serotonins im Körper wird im Darm gebildet. Das ist ein Grund dafür, dass das, was du isst und trinkst, damit zusammenhängt, wie du dich fühlst und wie gut du mit Stress zurechtkommst.
Entzündungsfördernde Auslöser wie hochverarbeitete Lebensmittel und Alkohol solltest du möglichst meiden. Alkohol verdient besondere Erwähnung: Er stört und schädigt die Darmbarriere und zerstückelt den Tiefschlaf. Wenn seine Wirkung nachlässt, ähnelt das Gefühl oft Angst oder verstärkt sie.
Umgekehrt liefern Omega-3-Fettsäuren (konkret EPA und DHA aus fettem Kaltwasserfisch) wichtige Bausteine für die Membranen der Gehirnzellen.
Eine tägliche, gezielte Ergänzung mit Omega-3 kann eine praktische Möglichkeit sein, Lücken in der Ernährung zu schließen, wenn du nicht viel fetten Fisch isst.
Die Prioritätenliste für eine Ernährung, die dich beim Stressmanagement unterstützt:
Wenig Zeit?
Das Letzte, wozu viele nach einem vollen Tag Lust haben, ist Kochen. Steht das Essen schon bereit, kannst du Energie und Zeit, die du sonst fürs Kochen aufwenden müsstest, anders einsetzen: fürs Training, für einen Spaziergang oder für Selbstfürsorge und Erholung. Frag dich immer: Was kann ich heute tun, wofür mir mein zukünftiges Ich dankbar sein wird? Eine automatische Bestellung und Meal Prep gehören zu den Dingen, für die dir dein künftiges Ich immer dankbar sein wird.
Am Ende des Tages sind wir ziemlich intelligente (und meistens ziemlich seltsame) Tiere, und die meisten Tiere gedeihen, wenn sie regelmäßig zwei Dinge haben: Gemeinschaft und Aufenthalt im Freien (solange sie nicht gerade von einem hungrigeren Tier gejagt werden, versteht sich).
Soziale Verbundenheit durch Gemeinschaft überflutet deinen Körper mit Oxytocin, das wie eine natürliche Bremse auf deine Amygdala wirkt. Naturerfahrungen wiederum holen dein Nervensystem rasch aus dem „Kampf-oder-Flucht“-Modus in einen parasympathischen Zustand („Ruhe und Verdauung“). Deshalb berichten so viele von besserer Stimmung und weniger Anspannung, wenn sie in der Mittagspause draußen spazieren gehen.⊕
So kommst du zu mehr Verbundenheit und mehr Zeit in der Natur:
Wenig Zeit?
Dein Nervensystem ist die Kommandozentrale deines Körpers: ein Signalnetz aus Gehirn, Rückenmark und Nerven, das „immer an“ ist und ständig überwacht, was in dir und um dich herum passiert, und darauf reagiert. Es steuert die Grundfunktionen, über die du nie nachdenkst (Verdauung, Herzschlag, Temperatur), und dient zugleich als hochreaktives Bedrohungsabwehrsystem. Kurz: Es hält dich am Leben, und das macht es richtig, richtig gut.
Seine Arbeitsweise folgt einem „Yin und Yang“. Das sympathische Nervensystem ist dein „Kampf-oder-Flucht“-Modus: Unter Stress oder bei wahrgenommener Bedrohung schüttet es Adrenalin und Cortisol aus, erhöht deine Herzfrequenz, schärft die Aufmerksamkeit und bereitet dich auf Handeln vor. Das parasympathische Nervensystem ist dein „Ruhe-und-Verdauungs“-Modus: Sobald die Gefahr vorüber ist, senkt es Herzfrequenz und Blutdruck und schaltet den Körper auf Erholung und Reparatur um.
Dieses Hin und Her ist völlig normal, es hat uns als Art überleben lassen. Das Problem: Im modernen Leben zieht die Bedrohung selten vorüber. Deadlines, Benachrichtigungen, finanzieller Druck und volle Terminkalender halten das sympathische System im Dauerfeuer. Diese chronische Aktivierung führt zu dem, was die Forschung allostatische Last nennt: Der „Verschleiß“ von Körper und Gehirn nimmt zu, begleitet von stärkeren Entzündungen und einer geschwächten Immunabwehr.⊕
Wie fühlt sich ein aus dem Gleichgewicht geratenes Nervensystem an? In einem Wort: furchtbar.
Kognitiv und emotional bemerkst du vielleicht Brain Fog, Angst, das Gefühl, „auf Kante“ zu sein, Reizbarkeit, Überforderung, wenig Antrieb sowie Probleme mit Gedächtnis, Konzentration und Entscheidungen. Körperlich zeigt es sich als Muskelverspannungen, Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme, schlechter Schlaf und Pulsspitzen bei Kleinigkeiten.
Das klassische Zeichen ist „wired but tired“, also erschöpft und aufgedreht zugleich: Du liegst um 23 Uhr müde in einem dunklen, stillen Zimmer und kannst nicht schlafen, weil so viel Adrenalin und Cortisol in deinem Körper kreist, dass er sich schlicht nicht sicher genug fühlt, um abzuschalten.
Bleibt das unbeachtet, bleibt es nicht, wie es ist. Mangelnde Erholung summiert sich, und mit der Zeit kann dieser dauerhaft gestresste Zustand, körperlich, kognitiv und emotional, in einen Burnout führen.⊕
Genau deshalb steht es im Zentrum eines wirksamen Stressmanagements, dein Nervensystem zu regulieren. Stressoren kannst du aus dem modernen Leben nicht verbannen, aber du kannst beeinflussen, wie schnell und wie vollständig dein Körper nach jedem von ihnen in den ruhigen, parasympathischen Zustand zurückfindet.
Ein gut reguliertes Nervensystem erholt sich schneller, schläft tiefer, denkt klarer und geht die nächste Herausforderung aus einer Position der Stabilität statt der Erschöpfung an.
Die gute Nachricht? Regulation ist eine Fähigkeit, die du aufbauen kannst. Du brauchst dafür eine Toolbox: reaktive Strategien für akuten Stress im Moment und proaktive Alltagsgewohnheiten, die den Regler weit weg vom Burnout halten. Bauen wir deine.
Der beste Weg, das Nervensystem zu regulieren, ist, Werkzeuge für beide Seiten der Gleichung zu haben: reaktive Strategien, die dich in akuten Stressmomenten herunterholen, und proaktive Gewohnheiten, die dein Grundniveau ruhiger halten, damit dich nicht Stress belastet, den du nie abgebaut hast. Stell dir das als vollständige Toolbox vor. Das sind meine Tipps, um Stress abzubauen und langfristig zu reduzieren, die ich dir heute mitgeben würde:
Reaktive Tools (für Stress im Moment):
Proaktive Tools (für ein ruhigeres Grundniveau):
Du wirst nicht jedes Tool jeden Tag nutzen. Wichtig ist, dass du weißt, dass sie da sind, dass du sie vorher ausprobierst, bevor „die Räder abfallen“, und dass du sie einsetzt, bevor der Regler in Richtung Burnout kriecht. Mehr alltagstaugliche Routinen gegen Stress findest du in unserem Artikel dazu.
Selbstmanagement-Tools sind wirkungsvoll, haben aber Grenzen, und zu erkennen, dass du an sie gestoßen bist, ist eine Stärke, kein Versagen.
Zeit, dir Unterstützung zu holen, ist es, wenn diese „Warnsignale“ deutlicher werden (obwohl du die Strategien oben konsequent anwendest): wenn Stress deine Arbeit, deine Beziehungen oder deinen Alltag deutlich beeinträchtigt, wenn Angst- oder Panikattacken, anhaltende Schlafprobleme oder körperliche Beschwerden auftreten, die sich nicht bessern. Auch wenn du immer häufiger zu Alkohol oder anderen ungünstigen Bewältigungsstrategien greifst, ist das ein klares Signal (und diesen Weg solltest du auf keinen Fall zur Gewohnheit werden lassen).
Deine Hausärztin oder dein Hausarzt ist eine gute erste Anlaufstelle: Dort lassen sich zugrunde liegende Ursachen ausschließen, und du wirst an die passende Hilfe verwiesen. Wenn du in Deutschland gesetzlich versichert bist, hilft dir außerdem der Terminservice unter 116 117 bei der Suche nach einem Termin bei einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten. Viele Arbeitgeber bieten zudem vertrauliche Beratung über eine Mitarbeiterberatung (Employee Assistance Programme) an. Wenn du daran denkst, dir etwas anzutun, nimm das bitte als dringend: Wähle den Notruf 112 oder ruf die Telefonseelsorge an. Sie ist in Deutschland kostenlos und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 erreichbar (telefonseelsorge.de), in Österreich unter 142 (telefonseelsorge.at) und in der Schweiz unter 143 (143.ch).
Wer früh Unterstützung sucht, hat einen kürzeren Weg zurück. Die Toolbox bleibt wichtig, aber du musst dir den Weg aus chronischem Stress nicht allein erarbeiten.
Atemübungen sind das schnellste Werkzeug in Jamies Toolbox. Probiere den physiologischen Seufzer: zweimal durch die Nase einatmen, erst ein großer, dann ein kurzer Atemzug obendrauf, danach lang durch den Mund ausatmen, bis sich die Lunge leer anfühlt. Wiederhole das, bis du ruhiger wirst. Auch ein Spaziergang draußen, am besten im Grünen, und etwas Tageslicht helfen im Moment. Zeigt sich Stress als enge Brust oder körperliche Unruhe, lohnt sich außerdem ein Versuch mit progressiver Muskelentspannung.
Fang bei den Basics an: sieben bis neun Stunden Schlaf mit fester Aufstehzeit, tägliche Bewegung, überwiegend naturbelassene Lebensmittel, jeden Tag nach draußen und Zeit für die Menschen in deinem Leben. Diese Gewohnheiten halten dein Grundniveau ruhiger und bauen Resilienz auf, sodass Stressoren dich seltener aus der Bahn werfen und du dich schneller erholst. Plane Auszeiten ein, sag Nein zu unnötigen Verpflichtungen und nimm dir frei, bevor du es brauchst.
Sie kann deine Widerstandskraft unterstützen, die Stressoren selbst beseitigt sie aber nicht. Darm und Gehirn stehen über den Vagusnerv in ständigem Austausch, deshalb spielt es eine Rolle, was du isst und trinkst. Jamie empfiehlt, Alkohol und hochverarbeitete Lebensmittel zu reduzieren, zwei- bis dreimal pro Woche fetten Fisch wegen der Omega-3-Fettsäuren zu essen und dich am 80/20-Prinzip zu orientieren: überwiegend nährstoffreiche, möglichst naturbelassene Lebensmittel, mit Platz für das, was du gern magst.
Nein. Kurzfristiger Stress ist eine normale und oft nützliche Reaktion. Adrenalin und Cortisol schärfen deinen Fokus und geben dir die Energie für schwierige Aufgaben, und gut dosierter Stress gehört dazu, wenn sich Resilienz entwickelt. Zum Problem wird chronischer Stress: Dauerhafter Druck, etwa durch Geldsorgen oder einen fordernden Job, hält deinen Körper in Alarmbereitschaft, ohne dass genug Erholung folgt. Das Ziel ist deshalb nicht, Stress zu vermeiden, sondern dich gut davon zu erholen.
Such dir Unterstützung, wenn Stress deine Arbeit, deine Beziehungen oder deinen Alltag deutlich beeinträchtigt oder wenn du trotz der beschriebenen Strategien mit Angst- oder Panikattacken, anhaltenden Schlafproblemen oder körperlichen Beschwerden zu tun hast, die sich nicht bessern. Auch wenn du immer häufiger zu Alkohol greifst, ist das ein Signal. Deine Hausärztin oder dein Hausarzt ist ein guter erster Schritt. Wenn du daran denkst, dir etwas anzutun, wähle den Notruf 112 oder ruf die Telefonseelsorge an (Deutschland 0800 111 0 111, Österreich 142, Schweiz 143).